Chorleitung in Zeiten der Unverbindlichkeit

Chorleitung ist für mich schon immer ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin so voller Elan, so voller Lust und Laune auf die gemeinsame Gestaltung von Musik, auf neue Wege und kreative Überraschungsbonbons. Gleichzeitig ist ein Chor so ein großes und oftmals schwerfälliges Gefüge, in dem Vieles einfach nicht geht – oder sagen wir besser, nicht ging. Denn mittlerweile habe ich einen neuen Umgang mit dem alten Frust gefunden: Was tun, wenn alle Arbeit an einem selbst hängen bleibt und die Wichtigkeit von dem Engagement jedes einzelnen Mitglieds nicht erkannt und zu wenig Arbeitskraft zur Verfügung gestellt wird? 

Faule Kompromisse

Aber fangen wir vorn an. Dies ist ein ganz persönlicher Bericht. Ob er überhaupt übertragbar ist auf andere Menschen und Situationen, wage ich nicht zu beurteilen – ich bin doch als Mensch genau so speziell und seltsam, wie jeder andere auch 🙂  Was mich auf jeden Fall charakterisiert ist der Umstand, dass ich mich nicht mit Kompromissen einrichten kann. Ich möchte meinen Chor einen lebendigen Haufen nennen können – auch nach Jahren noch. Dort soll es eine Art optimaler Arbeitsaufteilung geben. Jede und jeder soll nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten etwas Wichtiges beitragen. Außerdem möchte ich die kreativen Potenziale aller freilegen und mit der künstlerischen Arbeit zusammenführen, einfach, weil mir das die größte Freude ist.

Anpassen oder kapitulieren?

Die Realität sah aber lange anders aus. Ich habe schon viele Chöre geleitet, und all die Menschen in ihnen waren herzensgut und jeder für sich ein liebenswürdiges Original. Keine Frage. Aber das mit der Arbeitsteilung hat nicht wirklich gut funktioniert. Es gab in jeder Gruppe ein paar sehr Engagierte, deren Engagement mit der Zeit aber abnahm, weil sie nicht mehr gewillt waren, „den Dackel zur Jagd zu tragen“. Während die einen zogen, ließen die anderen sich ziehen. Immer und immer wieder habe zuerst versucht, etwas daran zu ändern. Da mir das nicht gelang, habe ich aufgegeben und die Leitung des jeweiligen Chores abgegeben. Aus meiner Sicht bestanden die meisten Chorsängerinnen auf Unverbindlichkeit, während ich Verbindlichkeit forderte.

Meine radikale Umkehr

Ich kenne einige Kollegen, die die Fähigkeit haben, die Trägheit von Gruppen als Realität anzuerkennen und sich darauf einzustellen. Sie reduzieren ihre Ansprüche und manchmal auch ihr eigenes Engagement, damit es wieder passt. Ich glaube, dass ein großer Teil der Chöre deshalb funktionieren, weil die Chorleitung nicht an ihren Idealen festhält sondern die Realität akzeptiert. 

Ich bin einen anderen Weg gegangen. Ich habe mir gesagt: Wenn es nun mal so ist, dass ich von meinen Idealen nicht abrücken will, dann muss ich Menschen mit den gleichen Idealen finden,

Und siehe da, das war und ist für mich die Lösung. Bei Chorliebe finden sich heute tatsächlich nur noch Frauen zusammen, die in gemeinsamer Arbeit keine Last, sondern eine große Freude sehen. Die gern miteinander kommunizieren und es lieben, neue Wege gehen. Sie entdecken an sich mit Vorliebe ungeahnte Talente und Fähigkeiten und lassen sich auf die Vorschläge anderer ein. Sie möchten besser werden, in dem, was sie tun und lassen sich von anderen dabei inspirieren. 

Wer „ja“ sagt, muss auch „nein“ sagen

Der Weg dahin ist ganz bestimmt nicht einfach gewesen, und er birgt immer wieder neue Herausforderungen. Denn wer nur zu bestimmten Menschen „ja“ sagt, muss zu anderen „nein“ sagen. Was für eine Aufgabe! Woran erkenne ich, wer ähnliche Werte hat und auch danach lebt? Wie finde ich auf menschenfreundliche Art heraus, was passt und was nicht? Menschen können sich ja auch ändern, wie können wir das mit einbeziehen? Es ist für mich ein großes Glück, dass ich mit dieser Aufgabe nicht allein bin. Alle Sängerinnen bei uns sehen den Wert in unserer neuen Art von angestrebter Homogenität der Gruppe: Wir teilen die wichtigsten Werte, was gemeinsames Arbeiten, Kreativität und persönliche Entwicklung betrifft. Dabei sind wir gleichzeitig extrem offen für unterschiedliche Charaktere. Die Welt ist bunt und unterschiedlich, auch bei uns! Aber die zugrundeliegenden Werte stimmen überein. Auf ihnen basieren unsere Chorliebe-Regeln, mit denen wir unser Gruppenleben regeln. Da sind wir streng.

Diese Mischung ist hoch effektiv, muss aber immer wieder neu diskutiert und austariert werden. Dabei hilft uns eine weitere Regel: Wenn wir uns live treffen, machen wir nichts als Spaß, Tanz, Schauspiel und Musik. Darum klären wir alles andere zwischendurch – in kleinen oder größeren Teams und im Plenum.

Gut, dass wir unser internes, soziales Netzwerk haben. So lässt sich das alles blendend organisieren.

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